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Aus eigenem Schmerz erwuchs Solidarität | Lili Magomedova wurde beim Integrationspreis Sachsen-Anhalt für ihr Engagement gewürdigt

Manchmal stehen bei einer Preisverleihung nicht nur Leistungen im Mittelpunkt. Manchmal wird sichtbar, was ein Mensch getragen hat, ohne daran zu zerbrechen. Was ein Mensch weitergegeben hat, obwohl ihm selbst so viel genommen wurde. Und manchmal wird deutlich, dass Integration nicht zuerst in Konzepten, Programmen oder Anträgen beginnt, sondern in Menschlichkeit.

 

Bei der Verleihung des Integrationspreises Sachsen-Anhalt wurde Lili Magomedova von der Sozial-Kulturellen Vereinigung „Meridian“ e.V., einer Mitgliedsorganisation der AGSA, für ihr herausragendes ehrenamtliches Engagement gewürdigt. Es war eine Anerkennung für eine Frau, die vielen Menschen beim Ankommen hilft, sie begleitet, tröstet, unterstützt und ihnen Orientierung gibt. Eine Frau, die nicht fragt, woher jemand kommt, welche Sprache jemand spricht oder welcher Religion ein Mensch angehört. Für Lili Magomedova zählt der Mensch.

 

Besonders bewegend waren die Worte von Elena Klein, die Lilis Geschichte und ihr Wirken mit großer Wertschätzung würdigte. Ihre Worte machten deutlich: Hinter diesem Engagement steht nicht nur Hilfsbereitschaft, sondern eine Lebensgeschichte, die von Flucht, Verlust, Stärke und tiefer Menschlichkeit geprägt ist:

"Lili Magomedova kam im Jahr 2005 mit ihrer Familie als Geflüchtete nach Deutschland. Sie floh im Zuge des zweiten Tschetschenienkrieges aus Grosny in Tschetschenien. Doch auch nach der Ankunft in Deutschland endete ihr Leid nicht. Einige Jahre später verlor sie durch einen tragischen Unfall ihre beiden kleinen Kinder. Kurz darauf starb auch ihr Mann. Lili blieb mit ihrem kleinen Sohn allein zurück, ohne Verwandte und ohne ein tragendes familiäres Netz vor Ort.

 

Es gibt Schicksalsschläge, für die Worte kaum ausreichen. Und es wäre leicht verständlich gewesen, wenn aus diesem Schmerz Rückzug, Bitterkeit oder Schweigen geworden wäre. Doch Lili Magomedova ging einen anderen Weg. Sie fand die Kraft, weiterzuleben, nicht zu verhärten und nicht beim eigenen Leid stehenzubleiben. Aus ihrer eigenen Erfahrung entstand eine besondere Sensibilität für die Not anderer Menschen.

 

Gerade weil sie selbst wusste, wie sich Verlust, Unsicherheit und Alleinsein anfühlen, begann sie, andere zu unterstützen. Sie begleitete Geflüchtete zu Behörden, erklärte Abläufe, half beim Übersetzen, gab praktische Hinweise und war für Menschen da, die in einem neuen Land Orientierung suchten. Ihre Hilfe war dabei nie abstrakt. Sie war konkret, direkt und verlässlich: ein Termin, ein Gespräch, ein Rat, eine Begleitung, ein offenes Ohr.

 

Als nach Beginn des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine viele Menschen aus der Ukraine nach Deutschland flohen, war Lili Magomedova erneut zur Stelle. Sie ging in die Unterkunft für Geflüchtete in der Messe, um Menschen zu helfen, die gerade alles verloren hatten oder ihre Heimat verlassen mussten. Auch hier begleitete sie Familien zu Behörden und unterstützte sie in verschiedensten Alltagssituationen. Bis heute betreut sie eine kinderreiche Familie aus der Ukraine.

 

Für Lili spielt es keine Rolle, ob jemand aus Tschetschenien, der Ukraine oder einem anderen Land kommt. Es spielt keine Rolle, welche Nationalität, welche Sprache oder welches Glaubensbekenntnis ein Mensch hat. Als Muslimin hilft sie Christ*innen und Jüd*innen ebenso wie Menschen anderer oder keiner Religion. Diese Haltung ist keine Floskel, sondern gelebte Praxis. Sie zeigt, was Solidarität bedeutet, wenn sie nicht an Grenzen, Gruppen oder Herkunft gebunden ist.

 

Auch nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024 zeigte sich diese Haltung. Elena Klein erinnerte daran, dass Lili die Erste war, die sagte, sie werde an der Menschenkette an der Johanniskirche teilnehmen. In einem Moment, in dem viele Menschen in Magdeburg erschüttert waren, stand für Lili fest: Sie möchte ein Zeichen des Mitgefühls, der Verbundenheit und des Zusammenhalts setzen.

 

Wer Lili kennt, beschreibt sie als offen, kommunikativ und zugleich bescheiden. Elena Klein erinnerte an einen Satz, der viel über sie aussagt: „Ihr könnt euch jederzeit am Tag und in der Nacht an mich wenden. Ich werde so viel helfen, wie ich kann.“ Das ist kein leicht dahingesagter Satz. Es ist Ausdruck einer Haltung, die Verantwortung übernimmt, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

 

In der tschetschenischen Diaspora genießt Lili großes Ansehen. Ihr Wort hat Gewicht. Männer wenden sich an sie, wenn ein kluger Rat gebraucht wird. Sie wird respektiert, weil sie gerecht, erfahren und klar ist. Gleichzeitig bewahrt sie selbst großen Respekt gegenüber älteren Menschen, eine Haltung, die in der tschetschenischen Kultur von Kindheit an vermittelt wird. Auch darin zeigt sich, wie sie kulturelle Werte, persönliche Stärke und gesellschaftliches Engagement miteinander verbindet.

 

Neben ihrer Begleitung und Unterstützung ist Lili Magomedova auch für ihre Kochkünste bekannt. Sie kocht nicht nur, um Menschen zu versorgen. Sie macht Kultur erfahrbar. Bei Veranstaltungen von Meridian und auch bei Festveranstaltungen der AGSA hat sie mit großer Sorgfalt und Hingabe gekocht. Wer sie bei multikulturellen Veranstaltungen erlebt, spürt schnell: Hier arbeitet jemand professionell, herzlich und mit Seele.

 

Diese Mischung aus Stärke und Bescheidenheit macht Lilis Engagement so besonders. Sie sucht keine Bühne, aber sie verdient Anerkennung. Sie spricht nicht laut über ihre eigene Geschichte, aber ihr Handeln erzählt von Mut. Sie hat selbst tiefes Leid erfahren und ist dennoch zu einer Stütze für andere geworden.

 

 

Die Würdigung beim Integrationspreis Sachsen-Anhalt ist deshalb mehr als eine persönliche Auszeichnung. Sie ist ein Zeichen dafür, wie wertvoll ehrenamtliches Engagement für unsere Gesellschaft ist. Sie erinnert daran, dass Menschen wie Lili Magomedova tagtäglich Brücken bauen: zwischen Behörden und Geflüchteten, zwischen Communities, zwischen Religionen, zwischen Menschen, die Hilfe brauchen, und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen."

Als AGSA freuen wir uns sehr über diese Anerkennung für Lili Magomedova und für die Arbeit unserer Mitgliedsorganisation Meridian e.V. Ihr Engagement steht beispielhaft für das, was unsere vielfältige Stadtgesellschaft zusammenhält: Vertrauen, Respekt, gegenseitige Unterstützung und die Bereitschaft, füreinander da zu sein.

 

Wir gratulieren Lili Magomedova von Herzen zu dieser verdienten Würdigung. Und wir danken Elena Klein für ihre bewegenden Worte, die sichtbar gemacht haben, was hinter diesem Engagement steht: eine beeindruckende Lebensgeschichte, große Menschlichkeit und eine Solidarität, die nicht trennt, sondern verbindet.


Redaktion Deine-Welt-Blog

Gabriel Rücker

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