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Eine Ausstellung entsteht - Mehrsprachiges Erinnern mit Stolpersteinen

Im Rahmen der Antirassismuswochen in Magdeburg eröffnen wir am kommenden Donnerstag (den 14. März 2024) im einewelt haus eine Ausstellung, die uns bewegt und für uns von besonderer Bedeutung ist. „Nie vergessen – grenzenlos | Mehrsprachiges Erinnern mit Stolpersteinen“ wirft einen Blick auf die Erinnerungskultur der Stadt Magdeburg und zeigt exemplarisch die Geschichten von Opfern der NS-Diktatur. Vor einigen Wochen keimte die Idee auf und die Arbeit begann. In diesem Beitrag wollen wir einen Blick hinter die Kulissen werfen. Wie entstand die Ausstellung? Dabei lassen wir auch unsere Beteiligten zu Wort kommen und zeigen die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für Erinnerungskultur. Viele Wochen intensive Arbeit und das Engagement vieler Menschen haben diese Ausstellung möglich gemacht. Der Ausruf „Nie wieder ist jetzt!“ sollte keine leere Worthülse sein. Wir sollten ihn gerade in diesen Kriegs- und Krisenzeiten, in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung, in Zeiten, wo das „Recht, Rechte zu haben“ (Hannah Ahrendt) wieder laut in Frage gestellt wird, einem kontinuierlichen Realitätscheck unterziehen. Und es braucht den Blick vieler Perspektiven – der unterschiedlichen Generationen, derer, die hier geboren sind, derer die später dazukamen und derer, die z.B. im Rahmen internationaler Austauschprogramme temporär in unsere Gesellschaft eintauchen. 

Wir laden euch ein auf die Reise von dem Entstehen der Idee bis zur fertigen Ausstellung.

 

Mit vielen Beteiligten von der Idee zur Umsetzung

 

Ende Januar entstand die Idee im Team der Öffentlichkeitsarbeit. Nach kurzem Austausch standen auch schon ein erster Rahmen und ein Konzept. Der Zeitplan war eng gesteckt und die Aufgaben vielfältig. Im ersten Schritt wurden Kooperationspartner*innen gesucht und schnell gefunden. Mit der Freiwilligenagentur Magdeburg und dem CSD Magdeburg e.V. haben wir passende Partner*innen gefunden. Nach einem schnellen Austausch wurde das Konzept verfeinert und der Plan wurde umgesetzt. Für viele im Team war erst während der Entwicklung und Umsetzung ersichtlich, wie umfangreich die Aufgaben tatsächlich waren. Recherchen, Layout, Design und mediale Begleitung verlangten viel Know-how, Kreativität aber auch enge Zusammenarbeit und Absprachen. Besonders wichtig waren uns hier die Übersetzungen der Biografien in möglichst viele Sprachen. Zum Glück bietet das einewelt haus ein breites Spektrum an Sprachen an. Zusätzlich mithilfe der Freiwilligenagentur Magdeburg e.V. konnten die Biografien in 11 Sprachen übersetzt werden.

 

Viele Menschen waren hier beteiligt, von unserer Schülerpraktikatin Lowis Rich die uns bei der Auswahl der Stolpersteine maßgeblich geholfen und ihre Ideen eingebracht hat, vorbereitet durch eine ganz persönliche Stolpersteinwanderung. Unsere studentische Praktikantin Maren Körner, die Texte gekürzt hat und beim Design, Layout der Tafeln und der Erstellung der Onlinepräsenz unterstütz hat.  Weiter mit unseren europäischen Freiwilligen die Übersetzungen übernommen haben, recherchierten und sich dabei intensiv mit der Erinnerungskultur auseinandergesetzt haben. Der AG Stolpersteine mit Peter Wetzel und Waltraud Zachhuber, die sich seit Jahren intensiv mit den Stolpersteinen und den Geschichten der Menschen beschäftigen, verdanken wir viel Bildmaterial und wichtige Hinweise.  Es bedurfte viel Koordination und Abstimmung zur Zusammenführung der vielen Einzelteile zum fertigen Ergebnis. Vieles lief parallel und wurde ständig angepasst und verbessert. Dabei ist mehr als nur die anfängliche Idee der Ausstellung entstanden. Ein Podcast, eine neue Rubrik im Deine-Welt-Blog, eine Stolpersteinwanderung via Google Karte und eine offizielle Eröffnung der Ausstellung, vor allem aber viel (internationale wie auch interkulturelle) Erinnerungskultur!

 

Gedanken der beteiligten Internationalen Freiwilligen

 

Bei der AGSA und koordiniert durch die AGSA bekommen jährlich ca. 20 junge Menschen die Gelegenheit, für in der Regel ein Jahr in einer sozialen Einrichtung in einem anderen Land zu arbeiten. Das ermöglicht, die Sprachkenntnisse zu erweitern und in einen anderen Alltag inklusive seiner kulturellen Eigenheiten und Erinnerungskultur einzutauchen. Junge Frauen aus der Türkei, Tschechien, Spanien und Italien absolvieren aktuell im einewelt haus ihr Freiwilligenjahr. Schnell waren auch sie von der Idee des Stolperstein-Ausstellungsprojektes begeistert.

 

Die Möglichkeit, dass die Biografien in verschiedenen Sprachen lesbar und erfahrbar sind, war uns besonders wichtig. Die Internationalen Freiwilligen, die die Texte übersetzt haben, berichten uns von den Eindrücken, die sie bekommen haben.

 

Serena Abrahm (Europäische Freiwillige aus Italien)

Es ist immer sehr bewegend und auch schwierig für mich, mich dem Thema Holocaust und Verfolgung zu nähern, da mein Urgroßvater verfolgt wurde, nur weil er einen jüdischen Nachnamen trug (obwohl er eigentlich katholisch war). Ich denke immer, was für ein Glück ich habe, denn wenn er nicht entkommen und überlebt hätte, wäre ich heute nicht hier, und es ist schmerzhaft, die Geschichten derer zu lesen, die es nicht geschafft haben. Es ist jedoch richtig und notwendig, der Opfer zu gedenken, ihre Geschichten zu erzählen und deutlich zu machen, wie viel Schmerz und Leid das Naziregime verursacht hat, das auch versuchte, die Beweise für seine Verbrechen zu vertuschen, so dass viele Familien nicht einmal wussten, was genau passiert war. Und von denjenigen, die die Konzentrationslager überlebt haben, weigerten sich viele, darüber zu sprechen, um diese Demütigung nicht noch einmal erleben zu müssen. Ich schließe mit einem Zitat aus dem Buch Se questo è un uomo („Ist das ein Mensch?“) von Primo Levi, einem jüdischen Autor, der in meiner Heimatstadt geboren wurde und der den Mut fand, seine Erfahrungen zu erzählen, aber nicht weiterzuleben: Se comprendere è impossibile, conoscere è necessario, perché ciò che è accaduto può ritornare, le coscienze possono nuovamente essere sedotte ed oscurate: anche le nostre. („Wenn das Verstehen unmöglich ist, ist das Wissen notwendig, denn das Geschehene kann wiederkehren, das Gewissen kann erneut verführt und verdunkelt werden: sogar unser eigenes.“

 

Carolina Tito (Europäische Freiwillige aus Spanien)

Als ich die Texte zum ersten Mal erhielt, hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, welche Reaktion sie in mir auslösen würden. Es war überhaupt nicht einfach, die Geschichte so vieler Menschen, die eine so große Tragödie erlebt haben, in Worte zu fassen. Beim Schreiben stellte ich mir immer wieder vor, wie sie sich gefühlt haben müssen. Jeder dieser Menschen, derer wir heute gedenken, und all jene, die ihre Geschichte nicht erzählen konnten, hatten ein Ziel. Ein Ziel, das sie ermutigte, weiterzumachen und zu kämpfen. Sie haben bis zum letzten Tag gekämpft, in der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Dies verdient Bewunderung und Respekt. Nichts kann rechtfertigen, was ihnen widerfahren ist, und nichts wird ausreichen, um all das auszugleichen, was sie verloren haben. Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, dreht sich mir der Magen um und ich frage mich, wie wir das zulassen konnten. Dann fiel mir ein, dass Ignoranz eine mächtige Waffe ist und dass es für die meisten Menschen einfacher ist, wegzuschauen und die Realität zu ignorieren. Das und viele andere Gründe haben uns an diesen Punkt gebracht. Egal was es kostet, egal wie weh es tut und egal wie beängstigend es sein mag, wir müssen uns der Realität stellen und unsere Stimme gegen Ungerechtigkeit erheben. Der Holocaust erinnert uns daran, wie grausam Menschen sein können. Deshalb ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Recht auf Leben keine Option ist. Niemals. Unter keinen Umständen, weder gestern noch heute noch morgen. Das ist etwas, woran es sich zu erinnern lohnt, besonders heute.

 

Andrea Bílá (Europäische Freiwillige aus Tschechien)

Das Lesen und Übersetzen der Geschichten der Opfer auf der Stolpersteine-Liste hat mir oft eine Gänsehaut beschert und mich daran erinnert, dass diese Geschichte gar nicht so alt ist und dass wir bewusst eine offene Gesellschaft aufbauen und Ungerechtigkeit nicht übersehen dürfen. Ich fühle mich unseren Vorfahren gegenüber verpflichtet, sie nicht zu vergessen und für Toleranz und Menschlichkeit zu sorgen. Wenn ich jetzt durch Magdeburg gehe und die Stolpersteine sehe, ist es für mich anders, ich sehe nicht mehr nur die Orte, sondern auch die menschlichen Geschichten der Opfer.

 

Cemregül Alhas (Europäische Freiwillige aus der Türkei)

Während ich die Geschichten der Opfer recherchierte, war ich sehr traurig und es machte mich wirklich nachdenklich, warum, da ein Mensch sich nicht für eine Nationalität entscheiden kann, er aber dafür getötet wird? Wir können uns das nicht aussuchen und wir sollten alle Nationalitäten schätzen, denn wir sind alle wertvoll und haben dieses Recht zu leben.  Für mich kann ich sagen, dass diese Opfer nicht nur Namen sind, die auf einem Papier oder in der Vergangenheit stehen, sondern sie hatten ein Leben, manche waren Händler, sie hatten Familien, sie waren Schüler, sie waren einfach Menschen wie wir. Als ich die Stolpersteine gesehen habe, war ich sehr bewegt, denn diese Menschen haben gelebt wie wir in Magdeburg und waren ein Teil der Bevölkerung. Wir sollten diese Katastrophe nie vergessen und uns immer daran erinnern.

 

Danke allen Beteiligten

 

Wir danken hier nochmal ausdrücklich allen Menschen, die diese Ausstellung möglich gemacht haben. Eine Kooperation der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V., des CSD Magdeburg e.V., der Freiwilligenagentur Magdeburg e.V. und der AG Stolpersteine für Magdeburg.

Das Ausstellungsprojekt wurde anlässlich der Antirassismuswochen 2024 in Magdeburg im Rahmen des AGSA-Projektes „Interkultur“ mit freundlicher finanzieller Unterstützung durch das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Magdeburg ermöglicht.

 

Die Beteiligten

Amal Abdalla

Serena Abram

Helin Ahmad

Cemregül Alhas

Andrea Bila

Yana Chenova

Rymma Fil

Daria Filonenko

Falko Jentsch

Maren  Körner

Manja Lorenz

Ha My Pham

Marie Prikhodko

Mahmoud Radi

Lowis Riech

Katja Rink

Gabriel Rücker

Carolina Tito

Peter Wetzel

Waltraut Zachhuber

 

Text: Manja Lorenz und Gabriel Rücker

 


Kontakt

Manja Lorenz

Projektleitung

Telefon: +49 (0)391/ 5371-207

E-Mail: manja.lorenz@agsa.de

Gabriel Rücker

Projektassistenz

Telefon: +49 (0)391/ 5371-206

E-Mail:gabriel.ruecker@agsa.de