Wir sind 20 Jahre jung!

Sie nennen sich “Familie” und haben damit absolut recht. Seit 20 Jahren gehen die Mitglieder des Chors “Kol Jehudim” mit ihren Liedern zusammen durchs Leben und teilen ihre Freude mit Anderen. Wie entwickelte sich die Geschichte dieses Musikkollektivs? Seine Gründerin und Inspiratorin Svetlana Ozerskaya wirft einen Blick zurück auf die interessantesten Ereignisse aus der Historie des Chors und ihres eigenen Werdegangs. Das Interview wurde von unserer Redekteurin Anastasiia durchgeführt.

 

Svetlana, Sie sind Leiterin des Chors „Kol Jehudim“, Dozentin des Telemann Konservatoriums und einfach eine wunderbare Künstlerin. Wann haben Sie die Musik kennengelernt und wie hat sich diese Beziehung weiterentwickelt?

 

Meine ersten Eindrücke von Musik beziehen sich auf den Klavierunterricht meiner älteren Schwester. Musik begleitete mich immer bei Familientreffen; Papa sang und verstand Musik sehr gut. Nach den Geschichten der Bekannten unserer Familie habe ich bereits mit drei auf dem ganzen Hof gesungen. Es ertönte immer das Lied „Immer scheine die Sonne“. Und mit fünf wurde ich auf eine Musikschule gebracht. Mit zehn gründete ich ein Mädchenensemble in der Schule, was die erste musikalisch -pädagogische Erfahrung war. Im Alter von 15 Jahren begann meine Musikausbildung: vier Jahre Musikfachschule plus fünf Jahre Ausbildung am berühmten Gnessin-Institut in Moskau. Die professionelle musikpädagogische Tätigkeit begann früh im Alter von 17 Jahren. Heute habe ich 40 Jahre vielfältiges kreatives Leben und Berufserfahrung, 20 Jahre davon in Deutschland.

 

Was hat Sie in das einewelt haus gebracht? 

 

Ins einewelt haus wurden wir von der Notwendigkeit geleitet - auf der Suche nach einem Proberaum für den Chor „Kol Jehudim“. Mit der Gründung der Weltunion Magdeburger Juden e.V. im Jahr 2010 erhielt der Chor die Gelegenheit, sich aktiver am Leben des einewelt hauses zu beteiligen.

 

Ein großer Feiertag steht vor der Tür: 20 Jahre seit der Gründung des Chores „Kol Jehudim“. Wie wird das Jubiläum gefeiert?

Traditionell feiern wir im Juni den Geburtstag des Chores. Mehrere Jubiläumsveranstaltungen sind geplant. Seien Sie gespannt auf unsere baldigen Ankündigungen! 

Ich möchte diese Gelegenheit auch nutzen, um den Leserinnen und Lesern zu sagen: Kommt zu uns, um zu singen, kommt, um uns zuzuhören, denn unser Programm wurde im Rahmen der Interkulturelle Woche 2019 nach dem Motto "Zusammen leben, zusammen singen" benannt.

 

Wir sind gespannt! Nun erzählen Sie uns doch einmal: Wie kam es vor fast 20 Jahren zur Idee, den Chor „Kol Jehudim“ zu gründen?

Der Chor unter meine Leitung wurde im Jahr 2000 in der Synagogengemeinde Magdeburg gegründet. Bereits im Jahr 2001 fand ein sehr bedeutendes Ereignis im Leben des Chores und im kulturellen Leben der Stadt Magdeburg statt: Das Fest der Religionen in der Johanneskirche. 2004 schrieb ich für dieses Fest das Lied „Gottes Kinder sind wir alle“, welches auch zum Motto und dem zentralen Lied dieser Stadt-Veranstaltung wurde. Der Name des Chores wird übrigens als „Stimme der Juden“ übersetzt.

 

Verlief immer alles reibungslos oder gab es auch Krisenmomente in seiner Geschichte? 

 

Die ersten Jahre des Chores waren glücklich und erfolgreich. Alles war neu, der Enthusiasmus der Gesangsbegeisterten war unbegrenzt. Die Leitung der Gemeinde unterstützte die Aktivitäten des Chores, der als Synagogenchor bezeichnet wurde. Und er erfüllte eine wichtige Mission; jüdische Lieder und Psalmen zu studieren und die jüdischen Traditionen in Deutschland wiederzubeleben. Eine der Aufgaben des Chores war das wöchentliche Sing- en am Freitag am Schabbat. 

 

Auch haben wir jährlich am Gedenktag an die Reichs- Kristallnacht am 9. November teilgenommen. 

 

Ob es Krisenmomente in unserer Chorgeschichte gab, ist eine schwere Frage. In welcher Familie gibt es keine? Unser Chor ist keine Ausnahme. Wir haben viele schwierige, manchmal dramatische Situationen und Ereignisse erlebt. 

 

Unsere „Young Voices“ sind gewachsen und verstreut. Viele „alte“ Chormitglieder sind verstorben.

 

Einige gingen in andere Städte und Länder. 

 

Für mich persönlich wurde all dies zu einer nicht heilenden Wunde, begleitet von Tränen und Schmerzen, die für die Außenwelt unsichtbar blieben. 

 

In einem der Gedichte, die mir Boris Pukshansky, der Gründer der Meridian e.V., gewidmet hat, gibt es solche Zeilen: 

 

Talent, vervielfacht durch den Willen,

verstärkt die Wirkung, macht sie unendlich reich. Doch wer kann sagen, unter welchen Schmerzen Ein solch Erfolg oft wurde nur erreicht. 

(Übersetzung: Kurt Hartmann) 

 

Aber wir bleiben optimistisch, fahren mit dem Lied durch das Leben fort und singen das Emigrantenliedchen, das ich nach dem Gedicht von Eugenia Stoff komponiert habe:

 

Entfalte all Deine Talente-

Auch in schwierigen Momenten! Emigrant, so gebe nicht auf! 

 

Haben Sie sich schon mal gewünscht, mit dem Chor außerhalb Deutschlands aufzutreten?

 

Natürlich ist es mein Traum, in Israel aufzutreten...

 

Ihr Chor singt Lieder in vielen Sprachen: Deutsch, Russisch, Jiddisch, Hebräisch und Englisch. Worum geht es in Ihren Liedern?

 

Worüber singen wir? In den Worten unseres Lieblingsliedes "Singen macht Spaß".

 

Aber im Ernst, egal in welcher Sprache, dies sind Lieder zu universellen Themen: Liebe, Frieden, Gott, Gebet, Trauer und Freude, Humor und Witz...

 

Was ist für Sie das Schwierigste an der Arbeit einer Chorleiterin und wie gehen Sie mit diesen Schwierigkeiten um?

 

Ich habe in Moskau eine grundlegende klassische Musikausbildung erhalten. Und ich war überhaupt nicht bereit für den Vorschlag, einen jüdischen Chor und eine Kindergruppe mit Gesang und Musiktheorie zu gründen. Ich kannte weder Hebräisch und Jiddisch noch Traditionen und Geschichte des jüdischen Volkes. Ich musste eine große Menge spezieller Literatur und Notenberge studieren, verarbeiten, einschließlich alter Psalmen aus Archiven. Ich besuchte viele Jahre Kreativseminare von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

 

Vergessen Sie nicht, dass dieses Tätigkeitsfeld in Deutschland völlig unentwickelt war. Und die Mitglieder des Chores waren und sind Liebhaber. In einer Person war und bleibt Svetlana Ozerskaya Chorleiter, Klavierbegleiter, Arrangeur, Kompositeur, Autor von Drehbüchern und Konzertprogrammen, Kammermusikerin und Solopianistin und vieles andere.

 

Neben den kreativen Schwierigkeiten bei der Arbeit gab es auch sehr große organisatorische. Nach dem Führungswechsel der Gemeinde musste der Chor die Gemeinde verlassen. Wir waren viele Jahre ohne Unterstützung. Im Gegensatz zu den Leitern deutscher Chöre erhielt ich für meine schwierige Arbeit mit dem Chor keine Vergütung.

 

Nur meine Begeisterung, persönliche Verantwortung und das Lieben der jüdischen Musik ließen Chorkollektive nicht aus der historischen Szene der Stadt und des Landes verschwinden.

 

Nun zum Schluss eine philosophische Frage. Was denken Sie, warum braucht der Mensch überhaupt Musik? 

 

Jeder beantwortet diese Frage auf seine Weise. Als Dozentin des Telemann Konservatoriums für Klavier, Korrepetition und Solfeggio und aufgrund meiner 40-jährigen Erfahrung glaube ich, dass in der modernen Welt die Funktion eines Lehrers bedeutender ist. Musik-psychologisch und therapeutisch! 

 

Musiktherapie, Musikrelaxion, Musikantistress, Musikkur. Diese Bereiche sind für mich entscheidend. Musik ist für mich eine Gelegenheit, Menschen zu helfen, Lebensfreude und Harmonie zu finden. Und das Ensemble „Kol Jehudim“ ist in diesem Bereich seit vielen Jahren mein Gleichgesinnter. Und es ist kein Zufall, dass wir längst über das traditionelle Chorkollektiv hinausgegangen sind. Und das Format und die Form unserer Programme in den letzten Jahren bestätigen dies. 

 

Ich bin ganz stolz auf mein Team und sage: „Danke, meine lieben Chorsänger, dass wir seit 20 Jahren zusammen sind! 

 

Unser Motto ist „Wir sind 20 Jahre jung“! 

 

Ich bin meinem Ehemann Vladimir unendlich dankbar für seine Geduld und sein Verständnis. 

 

Sowie meinen beiden talentierten Töchtern und meinen Eltern, die bereits seit den Ursprüngen der Gründung des Chores zu mir stehen.

 

Svetlana, vielen Dank für Ihre Zeit und das interessante Gespräch. Wir wünschen Ihnen ein wunderbares Jubiläumsjahr und kreativen Erfolg! 

 

Danke dir auch Anastasiia für dein Interesse und deine Aufmerksamkeit.  



Info

Weltunion der Magdeburger Juden e.V., einewelt Haus Wladimir Ozerski

E-Mail: info.wmj@gmx.de